Kiedrich

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    Kiedrich – das gotische Weindorf

    Weithin sichtbar ragt der schlanke Turm der gotischen St. Valentinuskirche über die Häuser des kleinen Ortes Kiedrich empor. Verschont durch Krieg und Zerstörung, bietet Kiedrich einen vollständig erhaltenen historischen Ortskern mit herausgeputzten Fachwerkhäusern, stattlichen Gutshöfen, schmucken Adelspalais und einem Rathaus aus dem Jahre 1585 mit Renaissance-Erkern.

    Doch im Mittelpunkt des typischen Weindorfes, das erstmals im Jahre 954 urkundlich erwähnt wird, steht die über 500 Jahre alte Pfarrkirche mit dem Kirchhof, der als Totenkapelle Mitte des 15. Jahrhunderts erbauten St. Michaelskapelle und dem alten Pfarrhaus. Ein Ensemble, das in dieser historischen Anordnung und kompletten Erscheinungsbild nur selten anzutreffen ist.

    Markant ist der Kirchenbau mit dem spitz hochgezogenen Schieferdach und dem wehrhaft erscheinenden Turm. Was von außen fast trutzig auf den Betrachter wirkt, zeigt im Inneren eine schlanke, elegante Architektur. Das in viele Streben verzweigte Gewölbe einer aufwärts strebenden, dem Himmel zugewandten Gotik, lässt erst auf den zweiten Blick die Ordnung erkennen, die der Baumeister vom massiven Fundament bis hoch in das filigrane Gewölbenetz gelegt hat. Die gotische Madonna, die fast unscheinbar auf einem Podest zwischen Altarraum und Kirchenschiff steht, gehört zu den ältesten und wertvollsten Kunstwerken Rheinischer Skulpturkunst und datiert aus den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts.

    Zu den einzigartigen Schätzen der Kiedricher Pfarrkirche gehört auch das Laiengestühl, das von Meister Erhart Falckener im Jahre 1510 geschaffen wurde. überraschend bunt und lebendig ist die farbig gefasste Flachschnitzerei mit dem zarten filigranen Blendmaßwerk. Eine Besonderheit in der lateinischen Welt der spätmittelalterlichen Kirche sind die zahlreichen, in deutscher Sprache abgefassten Texten und Reime, die den Gläubigen mit markanten Worten zur Ordnung und Andacht mahnen. Trotz ihrer wertvollen gotischen Schätze ist die Kiedricher Pfarrkirche kein Museum. Ganz im Gegenteil. Wie schon seit Hunderten von Jahren, ziehen jeden Sonntag unter den Klängen der ältesten noch spielbaren Orgel Deutschlands (um 1500) die Kiedricher Chorbuben zum lateinischen Choral-Hochamt in den Lichtdurchfluteten Altarraum ein. Seit Generationen pflegen die Kiedricher den einzigartigen gregorianischen Gesang im Germanischen Dialekt nach gotischen Hufnagel-Noten und geben damit einen hörbaren Eindruck vom Gotteslob längst vergangener Zeiten.

    Von alten Zeiten zeugt auch das Wahrzeichen Kiedrichs. Anfang des 13. Jahrhunderts ließ der Mainzer Erzbischof hoch über dem Weindorf die trutzige Burg Scharfenstein zum Schutz seiner Handelswege bauen. Heute befindet sich im Innenhof der Burgruine im Schatten des markanten Turms ein Grillplatz mit herrlichem Blick auf Kiedrich und seine berühmten Weinberge.

    Schon vor mehr als 2000 Jahren begann hier die Weinkultur, Kiedricher Rieslinge wurden im Laufe der Jahrhunderte zu begehrten Weinen an allen europäischen Fürsten- und Königshöfen. Auch heute schätzen Kenner im In- und Ausland die Gewächse aus den renommierten Lagen Gräfenberg, Turmberg, Wasserros, Klosterberg und Sandgrub. Eine besondere Attraktion im Kiedricher Weinbau ist der „Weinberg der Ehe“. Alle Ehepaare, die vor dem Kiedricher Standesamt die Ehe schließen, erhalten eine Urkunde, in der symbolisch ein Rebstock aus diesem Weinberg überreicht wird. Alle zwei Jahre treffen sich Paare aus ganz Deutschland in Kiedrich und trinken Riesling aus dem ihrem eigenen Weinberg. Doch auch ohne Kiedricher Trauschein lohnt der Weg in das pittoreske Weindorf.

    Zwischen April und Oktober präsentieren die Winzer am beliebten Kiedricher Weinprobierstand ihre besten Gewächse, dazu findet im Juni mit dem Kiedricher Rieslingfest eines der attraktivsten Rheingauer Weinfeste statt. Probiert werden können die Kiedricher Weine natürlich das ganze Jahr über in den vielen heimeligen Gutsausschänken, urigen Straußwirtschaften und gemütlichen Restaurants.

    Seit dem Jahre 1981 ist Kiedrich im Rahmen einer Städtepartnerschaft – die 1000. deutsch-französische Verschwisterung in Europa – mit der französischen Gemeinde Hautvillers in der Champagne verschwistert, in der im 17. Jahrhundert der Mönch Dom Perignon das Champagnerverfahren erfand.

    Als Hochburg des Rheingauer Karnevals findet am Donnerstag vor Fastnacht das beliebte Schnorrer-Ralley statt, der Kiedricher Rosenmontagsumzug ist weit über die Grenzen der kleinen Gemeinde bekannt und beliebt.

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