Reisebericht Norwegen – Tag 4

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Die kalte Schräglage in Verbindung mit starkem Harndrang weckte mich. In der Nacht hat es außerdem geregnet. Die Brote mit Nutella schmeckten sehr gut. Die Vegetation dort war mir unbekannt, Pilze, grün, minztürkis, morsche äste an sprießenden Bäumen, in der Sonne schmelzender Schnee, Moos, feucht angetaut aus der hellen Nacht an allen Seiten der Steine und, unvergesslich, die aufsteigenden Wolken. Trotzdem herrschte keine großartige Stimmung, weder Auf-noch Abbruch. Wir wollten jetzt einfach nur alles zusammenpacken, das Wandern genießen und in Laerdal ankommen. Eine Weile führte uns der Pfad über die gleiche Höhe. Zwar galt es ein paar lebendig sprudelnde Schmelzwasser-Bäche vorsichtig zu überqueren und in deren überquoll nicht die Bodenhaftung adrenalindurchstoßen gegen Schlamm- und blaue Flecken einzutauschen. Dennoch entlohnte uns die unbeschreibliche Alm kurz vor dem Abstieg liegend mit einem atemberaubenden Ausblick über Täler, Fjorde und Berge im Umkreis von mehreren zig Kilometern. Hier Mittag zu essen bescherte uns tatsächlich einen magischen Augenblick, der jegliche Anstrengung zu entschädigen vermag. Allerdings war uns zu diesem Zeitpunkt der Abstieg noch unbekannt.

Kurz: Es ging steiler runter als hoch. Der Abstieg war gefährlich.
Lang: Selten konnten wir den wunderschönen Wald um uns herum beobachten. Zu wichtig ist es nämlich, auf den Weg voraus zu schauen. Schmelzwasser machte ihn ungleichmäßig, rutschig und Erde zu Schlamm, sodass jeder Schritt sorgfältig gewählt werden musste. Die Rucksackbänder schnitten die Schlüsselbeine als pressten sie damit dem Schweiß, schlimmer noch als beim Aufstieg, aus den, sich mit jedem Schritt in Richtung Wasserspiegel erhitzenden Poren meiner Haut. Trotzdem fühlte sich jeder Schritt, so sehr auch die Waden zitterten, mal um mal erlösender an. Stellenweise offenbarte eine Lichtung im Wald einen immer flacher werdenden Blick über Lærdal. Jeder von uns rutschte aus. Oft konnte ein Sturz verhindert werden, weniger oft nicht. Wir hatten Glück. Trotzdem verlor Marvin auf diesem Teil des Weges seine Isomatte. Ich merkte, wie sehr uns diese Natur in den Bann ziehen konnte. Ein Aufschauen machte erfahrbar was hinter uns lag: dichtes sonnendurchbrochenes Grün, schimmernde Pollen, Insekten, was auch immer. Tannen, Farne, Steine und plätscherndes Bergwasser, eine außergewöhnliche Steigung, Geruch, des Waldes. Unter uns der steile Boden, über uns der blaue Himmel, vor und der sich nach unten schlängelnde Weg. Wie wir passte er sich der Natur an. Nicht er wurde der Natur aufgepresst, sondern er suchte nach Möglichkeiten, sich mit ohnehin natürlichen Kehren und Windungen den Gefahren der Natur zu entziehen. Er machte sich der Natur unterwürfig, so wie es hier in Norwegen der Mensch tat und wir eben auch. Nichts außergewöhnliches, aber ein starker Kontrast zur Heimat. Es war, als befände ich mich umgeben von idyllischen Naturmalereien, die Schritt um Schritt wie durch einen Dampfstrahler gepresst auf mich einschlugen. Und schließlich eröffnete sich aus dem Gestrüpp das Ende des Pfades und somit der Hafen Lærdals. Das an sich kurzweilige Leiden war beendet und der frische Wind des Fjordes trocknete die sofortig abgeworfenen Klamotten. Heute würde nicht mehr gewandert. Aber wo werden wir schlafen? Wir haben ein Zelt und befinden uns in Norwegen. Hier ist es erlaubt, außerhalb der Sichtweite von Wohnhäusern zu zelten. Diese Einschränkung ließe sich nach Ansicht des inkompetenten Touristeninfopraktikanten („Nice Route, a little challenging„) aber auch in Aurlandsvangen anstatt Lærdal verkraften. Da dies ohnehin unser angesteuertes Ziel war, hielten wir diese Option für die beste und luden Rucksäcke, frische Einkäufe und unsere müden Körper in den Bus nach Aurlandsvangen. Eine Weile gefahren und direkt am Ortseingang sichteten wir einen Campingplatz. Perfekt, ausgestiegen, eine Nacht gekauft, Zelt aufgeschlagen, Entspannung. Es war das Paradies. Eine Waschmaschine, drei Duschen und Toiletten, ein ebener Untergrund, die Lage an einem Fluss, die Sonne, das Gras zwischen den schuhbefreiten Füßen und der nette Empfang vom Besitzer, der von uns aufgrund der ähnlichkeit zu Jan’s Onkel ab sofort Dirk genannt wird, dessen echten Namen wir allerdings nie erfahren werden, und der mit 6€ pro Nacht und Person eine akzeptable Summe verlangt, all das machte mich glücklich und lies mich unsere derzeitige Situation sehr hoch wertschätzen. Am Abend wurde mit Alex ein Restaurant aufgesucht. Jan und Marvin dinierten mit Campingkocher vor unserem Zelt. Wir hingegen konnten norwegische Spezialitäten namens „Lammfilet“ (Alex) und „Cheeseburger“ (ich) genüsslich in unsere Münder schieben. Eine weitere, flüssige Spezialität, man nennt sie „Bier“ tranken wir dazu. Spezial? Ja, nur hier bezahlt man für alles zusammen 70€. Wie dem auch sei, für diesen Abend bot sich das Essen an und es sättigte uns. Klappe zu, Wäsche drin, 30 Min Trockner (von litauischen Putz-work-and-travel-Studentinnen geliehen) und es war noch zu nass. Wie auch immer, ich schlief beruhigt ein.

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Streckendaten
Schwierigkeit Normal
Länge keine Angabe
Dauer keine Angabe

 

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