Reisebericht Norwegen – Tag 11

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Reisebericht von Felix Beißel

Mit einiger Vorfreude auf die bevorstehende Wanderung ins Inland entlang des Flusses und vier angeblich äußerst beeindruckender Wasserfälle frühstückten wir auf unserem Campingplatz in der Morgensonne. Das Wetter spielte uns in diesem Urlaub wirklich in die Karten. Keinerlei Wolken zierten den Himmel, sodass trotz stets griffbereiter Sonnencreme, sich in den letzten Tagen ein leichter, warmer, Sonnenbrand sich auf unsere Gesichter legte. Man würde ihn gerne einfach wie ein Pflaster abziehen können. An sich ist er aber nur ein Zeichen des ungetrübten Sonnenscheins. Perfekte Bedingungen herrschten also, um die Wandertour zu beginnen.

Jonas ist wie Anna 29 Jahre alt und zieht seit 2 Monaten mit ihr in einem alten, aber sehr gut erhaltenen VW T3 mit Schlafdach durch Skandinavien und kampiert in Begleitung des treuen Max, Hund, auf den Campingplätzen dieser Gegend. Die beiden Stuttgarter boten uns die Fahrt zum eigentlichen Wanderweg und wir nahmen angesichts der doch etwas langweilig wirkenden Teermatte jenes Angebot an. Leicht schwäbisch-modern akzentuiert erzählten die beiden uns die Hintergründe ihrer Reise. Je stärker sich die Lebenszeit dem 30. Lebensjahr annähert, desto tiefer hinterfragt man die eigene Lebenssituation, ist die Formel die ich den Erzählungen Jonas’ entnehmen konnte. Er und Anna brachten also den Mut auf die Unzufriedenheit zu erkennen, die Jobs hinzuschmeißen und mit einem Bulli für drei Monate dem Norden einen Besuch abzustatten, sich im überspannten Elektrizitätsfeld der nicht mehr heimischen Leistungsgesellschaft zu erden.

Jonas war Projektmanager mit dem Angebot zum leitenden Angestellten bei Auto Motor und Sport, Anna Logopädin, die temporär sogar in Aachen studierte. Besonders er schien mit seiner Arbeitsstelle unzufrieden gewesen zu sein. Wie dem auch sei, ob es am Ende eine Wiedergeburt oder nur ein Winterschlaf für beide war, wird man wohl nur in ein paar Jahren erfahren können. In derartigen Gesprächen, abwechselnd mit jedem von uns vieren vertieft, begleiteten Anna und Jonas uns den gesamten Wanderweg entlang. Wie eingangs beschrieben führte uns die recht einfache zu den schönsten Norwegens zählende Strecke an vier Wasserfällen vorbei. Der erste war massiv. Höhe, kalter Wind aus der Bewegung, im Wettrennen zum Boden hin knallendes Wasser, aufgewirbelter Dunst der frisch durch das Gesicht streifte, Felsen, die sich dem mit aller Wucht entgegenwerfen und die Fontänen pulverisieren. Jener unmittelbare Kontakt mit der Natur ließ mich staunen und verschlang mit den Unmengen an Wasser auch meine Worte.

Der dritte Wasserfall (den zweiten übersprangen wir aufgrund irreführender Wegzeichen) präsentierte uns eine ebenso wenig in Worte zu fassende aber durchaus unterschiedliche Landschaft. Das Wasser prallte diesmal nicht von oben nach unten, sondern floss flach zwischen großen Steinen mit wildem Tempo und mündet schließlich in einem stillen Becken an einer Lichtung des Waldes, wie ein wildes Knäuel Wolle, das auf den Boden fällt und mit einer magischen Gelassenheit als feiner Teppich über den Boden schwebt.

Wir stiegen nun höher, immer und mit offenen Mündern trafen wir auf eine felsige Hochebene an deren Rand das Wasser hinunter sprudelte. Es war beängstigend wie nah man der reißende Flut kam. Sie wäre der garantierte Tod für jeden von uns.

Wir stiegen zusammen mit Jonas, Anna und Max ab, rutschten ein wenig über den etwas wilderen Weg herunter und ich versuchte mich zu besinnen um schließlich für diese Natur eine angebrachte Worthülse zu finden. Um ehrlich zu sein gelingt es mir nicht. Als wir zum ersten Mal auf jener weitläufigen Hochebene standen, brachten wir nicht mehr als ein staunendes „Scheiße….“ heraus. Mehr zu sagen beabsichtige ich nicht, ich würde mich wiederholen. Diese Landschaft muss ich weiterempfehlen. Kinsarvik ist ein grandioser Ort. Jonas und Anna touren nun weiter durch Norwegen. Ich hoffe sie erfahren die Stille, Reflexion und Entspannung, die ihnen zusteht.

Zum Abend hin nahmen wir einen Bus nach Odda. Von dort aus ist die Wanderstrecke zu Trolltunga zu erreichen, wenngleich Odda eine eigenartige Hässlichkeit in sich trägt, die zeigt, dass Norwegen keine blinde Idylle, sondern auch überstrapazierte Orte besitzt, die vom Markt reguliert wurden und nun augenscheinlich maximal Herberge für Durchreisende zu sein beanspruchen.

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Streckendaten
Schwierigkeit Normal
Länge keine Angabe
Dauer keine Angabe

 

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